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Geschichtlicher Hintergrund und Einführung

Geschichtlicher Hintergrund und Einführung

 
 
EinleitungDas „Musterlager“ BandōAktivitäten der GefangenenLagerdruckereiMusikAusstellungenSport und andere körperliche BetätigungenKontakt zur einheimischen BevölkerungBandōs „Nachleben“Die Bandō-Sammlung des DIJ |

 

Von Ruth Jäschke (Düsseldorf)

Übersicht über die Kriegsgefangenenlager (angegeben ist jeweils das Datum der Eröffnung und Schließung). Das Schema folgt Tabelle 1 aus: „Doko ni iyō to, soko ga doitsu da“ – „Hie gut Deutschland alleweg!“. Bandō furyo shūyōjo nyūmon. Naruto-shi doitsukan shiryō kenkyūkai (Hg.). Naruto-shi, 2000, S. 10

Wenige Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde fernab des europäischen Kriegsgeschehens das deutsche Pachtgebiet Kiautschou (Jiaozhou) mit seinem Stützpunkt Tsingtau (Qingdao) in der chinesischen Provinz Schantung (Shandong) zum Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen zwischen dem Deutschen Reich und dem mit England verbündeten Japan.
Während der Kämpfe – vor allem aber mit der Kapitulation Tsingtaus am 7. November 1914 – gerieten rund 4.700 Deutsche und Österreich-Ungarn in japanische Kriegsgefangenschaft. Sowohl sie selber als auch die japanische Regierung gingen davon aus, dass der Krieg –  und damit ihre Internierung – nicht lange dauern würde; keiner rechnete damit, dass die meisten Gefangenen über fünf Jahre bis Ende 1919 bzw. Anfang 1920 auf ihre Freilassung würden warten müssen. Dementsprechend provisorisch war anfangs ihre Unterbringung in öffentlichen Bauten, Teehäusern, Tempelgebäuden, Baracken u.ä. am Rande von zwölf Städten auf Honshū (Tōkyō, Shizuoka, Nagoya, Ōsaka, Himeji), Shikoku (Tokushima, Marugame, Matsuyama) und Kyūshū (Ōita, Kurume, Kumamoto, Fukuoka). Als sich zeigte, dass ein baldiges Ende des Krieges nicht zu erwarten war, und überdies auswärtige Beobachter Kritik an den z.T. recht unzureichenden Unterbringungsverhältnissen äußerten, wurden nach und nach sechs größere Barackenlager in Aonogahara, Kurume, Nagoya, Narashino, Ninoshima und Bandō errichtet und die Gefangenen aus den bisherigen Unterkünften dorthin umgesiedelt.

 

Der Lagerkommandant MATSUE Toyohisa. DIJ-Signatur H 57-3

Besondere Bekanntheit erreichte das ungefähr 12 km von der Präfekturhauptstadt Tokushima entfernt gelegene Bandō (seit 1967 in die Stadt Naruto eingemeindet). Hierher wurden im April 1917 insgesamt 953 Gefangene aus den drei auf Shikoku gelegenen Lagern Marugame, Matsuyama und Tokushima verlegt. Exakte Gesamtzahlen der Internierten lassen sich allerdings immer nur punktuell angeben, da diese aufgrund von Todesfällen, frühzeitigen Entlassungen und Neuzugängen schwankten; beispielsweise stieß im Mai 1918 für rund sieben Monate ein Deutscher aus der Zivilverwaltung von Tsingtau hinzu, im August 1918 wurden überdies 90 Mann aus Kurume aufgenommen.
 
Die Verhältnisse in Bandō galten als besonders gut. Rasch avancierte es daher zu einer Art „Musterlager“, das – wie auch sein Lagerkommandant MATSUE Toyohisa – in den Berichten ausländischer Inspektoren lobend erwähnt wurde. Matsue, der bereits das Lager Tokushima geleitet hatte, brachte großes Verständnis für die Situation der Kriegsgefangenen auf und gestattete ihnen vielerlei Aktivitäten. In Verhandlungen mit der einheimischen Bevölkerung erreichte er, dass die Internierten vor dem Lager Land pachten konnten, auf dem sie verschiedene Sportstätten anlegten; einen Teil des Gebietes durften sie überdies landwirtschaftlich nutzen. Unter Matsues humaner und liberaler Form der Verwaltung entwickelte sich daher im und um das Lager ein sehr großes Angebot an Beschäftigungsmöglichkeiten, das – obgleich in allen Lagern in Japan Schritte unternommen wurden, die Zeit der Gefangenschaft sinnvoll zu nutzen – in seinem Umfang und seiner Vielfalt besonders beeindruckt.

 
 

Ansicht des Lagers Bandō. DIJ-Signatur H 57-1

Annonce der Konditorei „Geba“ . Fremdenführer durch das Kriegsgefangenenlager Bando, Japan. 1918, S. 33

Das Lager Bandō hatte eine Gesamtfläche von 57.233 qm. Acht in zwei Vierergruppen angeordnete Baracken beherbergten die Mannschaften; die Offiziere waren nördlich davon in zwei um den so genannten „Süd-Teich“ gruppierten Baracken untergebracht. An der Lagergrenze im Südwesten bildeten zahlreiche Holzbuden das Geschäftsviertel „Tapautau“ bzw. „Tapatau“, weitere Buden verteilten sich über das ganze Lager. In ihnen boten Gefangene ihren Kameraden Handwerksprodukte und Dienstleistungen sowie diverse Lebens- und Genußmittel an, darunter selbstgezogenes Gemüse und Eier aus eigener Hühnerhaltung. Bald gab es auch Brause- und Warmbäder, Massage, kosmetische und pharmazeutische Erzeugnisse aus eigener Herstellung u.v.m., so dass sich allmählich ein reges Kleinstadtleben entwickelte. Dabei erwies es sich als günstig, dass nur ein Bruchteil der in Bandō internierten Gefangenen dauerhaft dem Militär angehörte; die meisten waren Reservisten oder Kriegsfreiwillige und konnten daher oft ihre beruflichen Fähigkeiten im Lager nutzbringend einsetzen – vor allem, wenn sie ein Handwerk erlernt hatten – oder ihre Kameraden entsprechend beraten. Besonders gesucht waren neben Bäckern, Köchen und Metzgern vor allem Tischler, Schlosser, Klempner, Schuster und Schneider; andere waren als Maler, Uhrmacher, Apotheker, Friseure bzw. Barbiere tätig oder verdienten sich z.B. als Fotograf oder Waschmann ein Zubrot.

Die berufliche Vielfalt machte sich auch in den lagerinternen Vorträgen und Unterrichtskursen bemerkbar. Hier reichte die Palette von Wirtschaft und Geographie über Kunst und Kultur bis hin zu Festungswesen, von Stenographie und Buchführung über diverse Sprachen bis zu Elektrotechnik und Instrumentenbau. Eine Lagerbibliothek, die bis Ende der Internierung auf über 6.000 Bände anwuchs, ermöglichte den Gefangenen vielfältige Lektüre, sei es nur zur Unterhaltung oder auch zur Erweiterung der eigenen Kenntnisse.
 
Jedoch waren nicht alle Versuche, das Lagerleben unterhaltsam zu gestalten, erfolgreich. So wurden zwar zeitweise Lichtbildervorträge und sogar Filmvorführungen angeboten, doch stellte sich heraus, dass das lagerinterne Stromnetz diesen Anforderungen nur bedingt gewachsen war. Es brach mehrfach zusammen, hinzu traten weitere Pannen wie Filmrisse, so dass man schließlich auf diese Programmpunkte verzichtete.

 
 

Eine Besonderheit Bandōs ist die große Zahl an Druckerzeugnissen, die im Lager erstellt wurden. Es gab zwei Druckereien: die Steindruckerei und die so genannte Lagerdruckerei, aus der die meisten Publikationen stammten. Sie arbeitete mit einem Wachsblatt-Vervielfältigungsverfahren, mit dem auch mehrfarbig gedruckt werden konnte, wie zahlreiche Veranstaltungsprogramme und Karten eindrucksvoll belegen. Zu den Druckerzeugnissen zählten überdies Postkarten, Vortragszettel, Eintrittskarten, Urkunden für die Gewinner von Sport- und anderen Wettbewerben, Noten, Reklamezettel, Landkarten, Pläne und technische Zeichnungen, Bücher und Broschüren, ja sogar lagerintern genutzte Briefmarken und Lagergeld, vor allem jedoch zwei täglich erscheinende Informationsblätter – der „Tägliche Telegrammdienst Bando“ und der „Nachrichtendienst“ – sowie die anfangs wöchentlich, später monatlich herausgegebene Lagerzeitung „Die Baracke“. Als Primärquellen sind gerade diese Organe von besonderer Bedeutung, da ihnen zahlreiche Informationen zum Lagerleben zu entnehmen sind.

 

„Die Baracke“: Titelblatt der Pfingstnummer 1918. Die Baracke Bd. 2, No. 8 (34), Pfingstsonntag 1918, Titelblatt

 
 

„Tägliche Telegrammdienst Bando“: Titelblatt von Bd.6, 3. Mai 1919, No. 15. T.T.B. Bd.6, 3. Mai 1919, No. 15, S. [1]

 

Eines der Lagerorchester bei einem Deutsch-japanischen Konzert in Tokushima im März 1919. DIJ-Signatur H 57-5

Um sich auf andere Gedanken zu bringen, wandten sich viele Kriegsgefangene der Musik oder dem Theater zu. So bildeten sich zwei Chöre und mehrere Theatergruppen. Auch hatte es bereits in den Vorgängerlagern verschiedene Instrumentalensembles gegeben, die nun in Bandō weiterexistierten: die Kapelle der Matrosen-Artillerie Kiautschou, das Tokushima-Orchester, die M.A. Blasmusik, das Engel-Orchester und das Orchester Schulz, außerdem eine Mandolinenkapelle. Allerdings war längst nicht jeder Instrumentalist Berufsmusiker oder zumindest musikalisch versierter Laie; mancher begann sogar erst im Lager damit, ein Instrument zu erlernen, tat dies mit großer Begeisterung, gelegentlich jedoch nur mit mäßigem Erfolg, wie den Protesten mancher gequälter Zimmernachbarn zu entnehmen ist. Gerade deswegen ist es erstaunlich, dass neben Unterhaltungsmusik auch sehr anspruchsvolle Stücke zum aufgeführten Repertoire gehörten.
 
Es verging kaum ein Monat, in dem nicht mindestens eines, meist sogar mehrere Konzerte stattfanden, nicht nur Orchester- und Chorkonzerte, sondern auch Kammermusik- und Liederabende; häufig wurden zudem Feiern und Theateraufführungen musikalisch gestaltet. Man hat den Eindruck, dass – abgesehen von einer Zwangspause durch die weltweit grassierende Spanische Grippe, die im November 1918 auch Bandō erreichte – im Grunde genommen ununterbrochen musiziert bzw. geprobt wurde. Nur so lässt sich erklären, dass sich für die rund 32 Monate der Kriegsgefangenschaft in Bandō von April 1917 bis Dezember 1919 über 100 Konzerte und musikalische Vortragsabende sowie mehrere Dutzend Theaterstücke und Unterhaltungsprogramme nachweisen lassen, die z.T. an mehreren Tagen hintereinander dargeboten wurden. Dies ist allerdings nicht einzigartig: in Kurume, wo ebenfalls viel musiziert wurde, finden sich für die gleiche Zeitspanne sogar noch mehr Konzerte. Beeindruckend ist dennoch, dass in Bandō trotz der vielen verschiedenen Betätigungsmöglichkeiten, die sich den Internierten boten, eine so große Zahl an Instrumentalensembles nebeneinander existieren und ein derart umfangreiches Programm realisiert werden konnte.

 

Programm des 2. Sinfonie-Konzerts des Engel-Orchesters im April 1918. DIJ-Signatur E 3-35

Besonders bekannt geworden ist die Aufführung der 9. Symphonie von Beethoven im Lager Bandō am 1. Juni 1918. Bereits im Programm des Tokushima-Orchesters zu ihrem 5. Konzert in Bandō am 10. Juni 1917 ist das Lied „An die Freude“ aus dem Schlusssatz  der Neunten notiert, so dass dieser Teil der Symphonie offensichtlich bereits knapp ein Jahr zuvor in einer bearbeiteten Fassung in Bandō zu hören war. Das Konzert am 1. Juni 1918 scheint jedoch das erste gewesen zu sein, in dem das Werk komplett mit Schlusschor in Japan aufgeführt wurde. In Kurume stand Beethovens 9. Symphonie erstmals am 9. Juli 1918 auf dem Programm, wobei offensichtlich jedoch nur drei der vier Sätze geboten wurden; am 3. Dezember 1919 spielte man bei einem Konzert in einer Mädchenschule in Kurume den 2. und 3. Satz, erst für den 5. Dezember 1919 ist eine Gesamtaufführung der Neunten für Kurume belegt.

 

„Führer durch die Ausstellung für Bildkunst und Handfertigkeit“ im März 1918, Titelblatt. DIJ-Signatur B 01

Auch Kunst und Kunsthandwerk gehörten zu den Betätigungsfeldern der Kriegsgefangenen. Als erste Anregung diente der Vorschlag des evangelischen Pfarrers Schröder, für deutsche Kinder in Japan geeignete Spielsachen herzustellen. Daraufhin widmeten sich viele dieser Aufgabe, so dass für die Spielzeug-Ausstellung im Lager Mitte Dezember 1917 acht Tische voller Spielwaren zusammenkamen.
 
Auf großes öffentliches Interesse stieß die „Ausstellung für Bildkunst und Handfertigkeit“ im März 1918, die sich ganz bewusst auch an Publikum von außerhalb richtete. In den von der Gemeinde Bandō zur Verfügung gestellten Ausstellungsräumlichkeiten wurden – eingebettet in ein Begleitprogramm aus Musik, Theater und Sport – insgesamt 467 Werke präsentiert: nicht nur Gemälde und Zeichnungen, Metall-, Holz- und Handarbeiten, sondern auch Apparate und Modelle, Theaterrequisiten und -kostüme, Musikinstrumente u.v.m., sogar kulinarische Köstlichkeiten aus lagereigener Produktion. Man zählte insgesamt 50.095 Besucher, darunter auch ganze Schulklassen, und der große Andrang erfüllte die Gefangenen mit Stolz und zusätzlicher Motivation. Sie wurden daraufhin aufgefordert, die Ausstellung in Tokushima zu wiederholen. Überdies fand schließlich im Juli 1919 eine Malerei-Ausstellung auf dem Lagergelände von Bandō in der sogenannten „Friedenshalle“ statt.

 
 

Blick in einen der Ausstellungsräume bei der „Ausstellung für Bildkunst und Handfertigkeit“ im März 1918. DIJ-Signatur H 57-7

Tennisplatz im Lager Bandō. DIJ-Signatur H 57-4

 

Sport war ein beliebter Zeitvertreib; er lenkte von den Sorgen um die eigene Familie und die Lage in der Heimat ab und bot zugleich eine gute Möglichkeit, sich körperlich fit zu halten. Daher wurden auf den neu vor dem Lager angelegten Sportplätzen mit großer Begeisterung Ballspiele wie Fußball, Schlagball, Faustball, Korbball, Hockey und sogar Tennis gespielt. Die Gefangenen genossen es sehr, dass ihnen in Bandō weitaus mehr Platz zur Verfügung stand als in den Vorgängerlagern, so dass gerade diese Sportarten anfangs besonderen Zulauf hatten.
 
Daneben praktizierte man auf den Sportplätzen und innerhalb des Lagers auch Boden- und Geräteturnen, Leichtathletik, Ringen, Boxen und Gewichtheben, Fechten etc. Besonders Turnen – u.a. der Bau von Menschenpyramiden und plastischen Gruppen – wurde ab Mai 1918 als „typisch deutsche“ Form der Körperertüchtigung bewusst gepflegt und in einigen „Sportlichen Unterhaltungsabenden“ den Kameraden gezeigt; bei besonderen Gelegenheiten führte man es sogar der japanischen Bevölkerung vor. Die beiden Teiche innerhalb des Lagergeländes durften zudem offensichtlich zum Segeln und Rudern genutzt werden, und im Sommer wurde den Gefangenen auch das Baden in einem nahe gelegenen Flüsschen ermöglicht. Ab Juli 1919 wurde es ihnen überdies gestattet, häufiger unter Bewachung Ausflüge bis ans Meer nach Kushigi zu unternehmen, bei denen sie auch von der einheimischen Bevölkerung ausführlich beäugt und bestaunt wurden.
 
Eine weitere Möglichkeit, sich als Kriegsgefangener körperlich zu betätigen, war das Holzfällen im Wald. Damit konnte nicht nur der Bestand an Brennholz für den Winter gesichert werden; zugleich bot sich die Gelegenheit, das Lager – wenn auch natürlich unter Aufsicht – zu verlassen und die freie Natur zu genießen. Ähnliches galt für die Brückenbauer, die im Herbst 1917 und erneut im Frühjahr und Sommer 1919 für die Überquerung kleiner Flussläufe der Gemeinde Bandō Brücken aus Holz und Stein errichteten.

 
 

Kriegsgefangene bei einem Ausflug an den Strand. DIJ-Signatur H 57-8

 
 

Das so genannte „Holz-Schaukeln“: Transport des geschlagenen Brennholzes zum Lager Bandō durch eine Menschenkette. DIJ-Signatur H 57-9

 

„Frühstück beim Ausflug“: Deutsche und Japaner kommen zusammen. Muttelsee, Willy. Karl Bähr. Nachtrag zu 4 1/2 Jahre hinterm Stacheldraht. Bando: Kriegsgefangenenlager, 1919, o.S., im Besitz des Deutschen Hauses Naruto

Japanische Händler besuchten regelmäßig das Lager, um ihre Produkte zu verkaufen, und  es kam zu Begegnungen mit Einheimischen beim Holzfällen und beim Brückenbau, bei Ausflügen oder bei Vorführungen vor japanischem Publikum. Das Interesse der Japaner an Kenntnissen und Fähigkeiten der deutschen Kriegsgefangenen führte zu manchen längeren Beschäftigungsverhältnissen außerhalb des Lagers und zu Unterrichtskursen, die teils im, teils außerhalb des Lagers abgehalten wurden. Die Deutschen vermittelten dabei z.B. Kenntnisse in westlichem Gemüseanbau, Viehzucht, Molkerei-, Metzgerei- und Bäckereiwesen, Kochen, Schnapsbrennen, europäischer Architektur und Musik, sogar im Präparieren von Tieren. Gerade derartige Begegnungen bildeten den Grundstein dafür, dass die deutschen Kriegsgefangenen den in der Umgebung des Lagers lebenden Japanern in guter Erinnerung geblieben sind.

 
 

Kriegsgefangene beim Ausflug in die Umgebung. DIJ-Signatur H 58-2

Die Nachbildung des Lagertores im „Park Deutsches Dorf“. Foto Ursula Flache

Der größte Teil der Kriegsgefangenen verließ Bandō im Dezember 1919 und Januar 1920 und kehrte in die Heimat zurück; manche jedoch blieben in Japan bzw. Ostasien und fanden dort ein Betätigungsfeld. Das Lager Bandō wurde am 8. Februar 1920 offiziell geschlossen und später von der japanischen Armee als Truppenübungsplatz genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente es der Unterbringung von Heimkehrern aus Übersee. Wie man Anfang 2002 entdeckte, wurden Teile der alten Lagerbaracken offensichtlich später als Baumaterial für Lagerhäuser und andere Gebäude verwendet. Ein Teil der Fläche, auf der sich das Lager ursprünglich befunden hat, wird heute vom „Park Deutsches Dorf“ („Doitsu Mura Kōen“) eingenommen. Am Eingang zum Park steht nun eine Nachbildung des Lagertores.
 
Eine konkrete Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen ehemaligen Kriegsgefangenen und der Bevölkerung von Bandō kam erst in den 1960er Jahren zustande. 1972 wurde das „Deutsche Haus Naruto“ („Naruto-shi Doitsu-kan“) als Museum eingerichtet; die Exponate werden seit Oktober 1993 in einem größeren Neubau der Öffentlichkeit präsentiert. Auch wurden inzwischen verschiedene Projekte zu Bandō durchgeführt (u.a. an der Pädagogischen Hochschule Naruto), es konnten weitere zeitgeschichtliche Dokumente ausfindig gemacht und in die Forschungen einbezogen werden. Im Jahre 1974 wurde eine Städtepartnerschaft zwischen Naruto und Lüneburg, dem Wohnort einiger einstiger Kriegsgefangener, ins Leben gerufen, Seitdem findet zwischen beiden Gemeinden ein regelmäßiger Austausch von Freundschaftsdelegationen statt, auch werden verschiedene Veranstaltungen organisiert; alljährlicher Höhepunkt ist seit 1982 die feierliche Aufführung der 9. Symphonie von Beethoven.

 
 

Das „Deutsche Haus Naruto“. Foto Claus Harmer

 

1998 gelang es dem Deutschen Institut für Japanstudien, ein Konvolut an Primärquellen zum Kriegsgefangenenlager Bandō zu erwerben. Es umfasst sowohl Druckerzeugnisse, die im Lager selber sowie auf der Heimreise nach Deutschland hergestellt wurden, als auch Publikationen und Dokumente aus anderen Lagern sowie Fotos, Postkarten und Korrespondenz aus der damaligen Zeit. Zu den Veröffentlichungen aus dem Lager Bandō zählen Periodika, Bücher und Broschüren, aber auch Karten, Zeichnungen, Veranstaltungsprogramme, sogar ein Ausstellungsplakat, eine Rechnung und eine Eintrittskarte zu einer Theatervorstellung. Während die Lagerzeitung „Die Baracke“ inzwischen vielerorts eingesehen werden kann, sind die z.T. sehr kunstvoll gestalteten Programme zu sportlichen Ereignissen, Theatervorstellungen, Konzerten und Feiern im Lager, vor allem aber die weitaus seltener erhaltenen Ausgaben der Zeitung „Täglicher Telegramm-Dienst Bando“ ein besonderer Gewinn. Sie ermöglichen einen noch umfassenderen Einblick in das Alltagsleben der Internierten, in ihre kleineren und größeren Sorgen und Bedürfnisse, in das Waren- und Dienstleistungsangebot vor Ort u.v.m. Von Interesse sind auch die gedruckten Vortragstexte sowie Erläuterungen zu den im Lager gehaltenen Vorträgen als Beleg dafür, welche Themen den Lagerinsassen in ihrer speziellen Situation wichtig waren und z.T. sogar in Vortragsreihen über einen längeren Zeitraum behandelt wurden (z.B. die „Chinesischen Abende“, der „Militärische Vortragskurs“, die „Abende für Deutsche Geschichte und Kunst“). Dokumente aus anderen Lagern ergänzen den Bestand und ermöglichen in Teilbereichen den Vergleich zum Kriegsgefangenendasein in Tokushima, Marugame, Kurume, Ôita, Narashino, Aonogahara etc.
 
Da Lagerpublikationen auf dem Antiquariatsmarkt nur schwer erhältlich sind, war es um so erfreulicher, dass im Dezember 2004 und im März 2005 die Sammlung durch zwei Schenkungen von Herrn Rolf Ewert (Hameln) erweitert werden konnten. Herr Ewerts Großonkel, Rudolf Ewert, war von 1914 bis 1919 in den Lagern Marugame und Bandō interniert und hat Bücher, Karten und Fotosammlungen hinterlassen, die in den beiden Lagern entstanden sind. Die Materialien stellen eine wertvolle Ergänzung der Bandō-Sammlung dar, und wir möchten an dieser Stelle dem Stifter, Herrn Ewert, nochmals unseren herzlichen Dank aussprechen.
 
Der Bestand an Bandō-Materialien in der DIJ-Bibliothek legt Zeugnis ab von dem regen kulturellen wie sozialen Leben der gefangenen Deutschen: von ihren musikalischen, sportlichen und wissenschaftlichen Aktivitäten und ihrer Beschäftigung mit Theater und Kunst ebenso wie von ihrem Versuch, durch Gemüseanbau und Viehzucht den Speiseplan aufzubessern oder sich durch handwerkliche Tätigkeiten nicht nur zu beschäftigen, sondern auch zusätzliche Fähigkeiten zu erwerben, die sich vielleicht nach Kriegsende beruflich einsetzen ließen.
 
Die Bandō-Sammlung stellt damit eine zwar kleine, aber wichtige Ergänzung zu den in Archiven und Museen vorliegenden Zeugnissen zur deutschen Kriegsgefangenschaft in Japan während des Ersten Weltkriegs dar und erleichtert Forschern wie Laien den Zugang zu einem außerordentlich interessanten Kapitel deutsch-japanischer Geschichte.