Rundgang durch das Lager Bandō

4. Platz 2 (Appellplatz)

 
 

Auf Platz 2 wurde jeden Tag morgens und abends die Musterung abgenommen. Zu spätes Erscheinen zur Musterung war mit Strafen belegt. Jedoch scheint der Appell, verglichen mit den früheren Lagern, lockerer gehandhabt worden zu sein. In der „Baracke" heißt es: „Während ich noch aus meinem Fenster sinnend blicke, tönt das Abendmusterungssignal an mein Ohr. Ich will aufspringen, zum Antreten eilen, da fällt mir gerade noch ein: ‚Du bist ja nicht mehr in Marugame, sondern in Bando.’ Also bleibe ich sitzen. Eine ganze Weile vergeht. Endlich kommt einer aus der gegenüberliegenden Baracke heraus, die Hände in den Hosentaschen schlendert er über den Weg und geht oder bummelt zum Musterungsplatz. Bald kommt noch einer, dann immer mehr und schließlich strömt es und drängt sich scharenweise zum Antreten. Jetzt wird es aber auch für mich Zeit, denn ich lege keinen Wert darauf, etwas Besonderes zu sein und zu haben, auch keine drei Tage. Also: Fenster auf und hinaus!" (1)

 
 

„Volkszählung". Muttelsee, Willy. Karl Bähr. 4 1/2 Jahre hinter’m Stacheldraht. Skizzen-Sammlung. Bando: Kriegsgefangenenlager, [1919], o.S., im Besitz des Deutschen Hauses Naruto

Zu einzelnen Gelegenheiten wurde der Appell auch flexibler gehandhabt. Als im Herbst 1918 die Spanische Grippe das Lager Bandō erreichte, ließ die Lagerleitung nur noch einmal am Tag antreten, denn es waren sehr viele Gefangene bettlägerig und konnten nicht zur Musterung erscheinen (2). Auch an Neujahr 1919 verlief der Appell sehr kurz, was dem „Ruhebedürfnis des Lagers" (3) sehr entgegen kam: „Statt die angetretenen Baracken einzeln zu belämmern, kündigte er [Hauptmann Takaki] sich allen durch einen kurzen Pfiff an. Das vielhundertstimmige ‚Prosit Neujahr!’ nahm er mit Haltung als etwas Selbstverständliches entgegen. Als ebensoviele kräftige Kehlen auf seine Frage: ‚Alle da?’ bejahend antworteten, pfiff er auch auf Abzählen und Musterung und schickte uns ohne Verzug durch sein ‚Wegtreten!’ wieder hin, woher wir gekommen waren." (4) Außerdem wurde auf dem Appellplatz Schlagball bzw. Faustball gespielt (5).

 

Sport auf Platz 2. Foto aus Besitz des Deutschen Hauses Naruto, Negativ-Nr. 36-11

 
 

Gruppenfoto auf Platz 2. Taishō san yo nen sen’eki. Furyo shashinchō. Vues photographiques concernans les prisonniers de guerre au Japon (Campagne de 1914-1916). Tōkyō: Furyo Jōhōkyoku, Bureau Impérial de Renseignements sur les Prisonniers de Guerre, 1918. Foto aus Besitz des Deutschen Hauses Naruto, Negativ-Nr. 30-26

 

(1) Die Baracke Bd. 1, No.23, 3. März 1918, S. 12-13=504-505
(2) Die Baracke Bd. 3, No. 9 (61) 1. Dezember 1918, S. 194
(3) Die Baracke Bd. 3, No. 15 (68), 12. Januar 1919, S. 330
(4) Die Baracke Bd. 3, No. 15 (68), 12. Januar 1919, S. 330
(5) Fremdenführer durch das Kriegsgefangenenlager Bando, Japan. 1918, S. 6